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Wohin mit der Wut ? Eine geschlechtsspezifische Analyse zum Zusammenhang zwischen aggressiven Gefühlen, Gewalt und psychosomatischen Beschwerden im Jugendalter
| Content Provider | Semantic Scholar |
|---|---|
| Author | Mansel, Jürgen Kolip, Petra |
| Copyright Year | 1996 |
| Abstract | Research on processes of socialisation repeatedly refers to gender differences in aggressiveness. It is often assumed that women more likely react to stress with an internalising behaviour and develop psychosomatic symptoms more easily than men. In contrast to this men react more likely with aggressiveness, which is said to have a release function on stress. This representative study of pupils analyses the connections between aggressive feelings, aggressive behaviour and psychosomatic symptoms. It shows that aggressive behaviour neither for girls nor for boys leads to a release of stress, but more likely to an increase in health impairments. Die geschlechtsspezifische Sozialisationsforschung hat seit den siebziger Jahren deutlich gemacht, daß das Geschlecht als eine Strukturkategorie zu begreifen ist, die sowohl mit den sozialen, politischen und ökonomischen Strukturen der Gesellschaft als auch mit individuellem Verhalten aufs engste verwoben ist (HagemannWhite 1984). In den Diskussionen um polarisierte „Geschlechtscharaktere“ (Hausen 1976) wurde immer wieder darauf hingewiesen, daß Männlichkeit und Weiblichkeit keine natürlichen, sondern sozial konstituierte Gegebenheiten sind, die historischen und kulturellen Wandlungen unterworfen und damit veränderbar sind (Beauvoir 1961, Scheu 1977). Die systematische Suche nach psychologischen Geschlechtsunterschieden war dann in der Folge auch relativ erfolglos: einzig im BeMansel/Kolip: Wohin mit der Wut? 95 reich der Aggressivität aber nicht z.B. bei kognitiven Fähigkeiten lassen sich relativ konstante Geschlechtsunterschiede beobachten (Maccoby/Jacklin 1978). Aber auch hinsichtlich des aggressiven Verhaltens sind die geschlechtsspezifischen Differenzen keineswegs so eindeutig wie lange Zeit angenommen. Die Unterschiede sind nur dann virulent, wenn Aggressivität auf die unmittelbare physische Gewaltanwendung gegen Sachen und/oder Personen bezogen wird. Werden hingegen verbale, verdeckte und/oder indirekte Formen der Gewaltausübung mitberücksichtigt, schwinden die Unterschiede nach dem Geschlecht der Akteure. Somit wird deutlich, daß Personen verschiedenen Geschlechts lediglich unterschiedliche Arten von aggressiven Verhaltensäußerungen bevorzugen. Entsprechend kann in neueren Untersuchungen gezeigt werden, daß Mädchen zum einen eher ihnen vertraute Personen ‚anstacheln‘, sie also ihre Netzwerke nutzen, um einem Gegenüber einen Schaden zuzufügen, und/oder zum anderen die Netzwerke des ‚Gegners‘ unterminieren, um dem Gegenüber das Ansehen innerhalb oder die Zugehörigkeit zu dessen Bezugsgruppe zu zerstören (Björqvist 1994; Björqvist/Lagerspetz/Kaukiainen 1992; Rivers/Smith 1994). Gemeinsam mit der männlich dominierten offenen physischen Aggression ist die intendierte Schädigung des Gegenübers. Aggressives Verhalten der Mädchen kann somit ebenso verletzten, zu einer Schädigung des Selbstwertgefühls führen, ist aber eher verdeckt und nur selten offen, während Jungen ihre Aggression eher zur ‚Schau‘ stellen und manifeste, physische Kraft zur Geltung bringen. Bereits ab einem Alter von 21⁄2 Jahren zeigen Jungen derartig offen aggressives Verhalten, das der Absicht folgt, jemand anderen zu verletzen, signifikant häufiger (Maccoby/Jacklin 1980). Die Befunde über die offenen gegen andere Personen oder fremdes Eigentum gerichteten Aggressionen und/ oder Gewalthandlungen stützen diese Beobachtungen im Kindesalter. Daß es sich bei dem offenen aggressiven Verhalten um eine Domäne der Männer handelt, zeigt bereits ein Blick in die Kriminalstatistiken. So liegt gegenüber den Frauen der Anteil der Männer, die von der Polizei verdächtigt werden, z.B. ein Körperverletzungsdelikt ausgeführt zu haben, bei etwa dem 6,6fachen (Straftaten insgesamt: 3,6fache), und etwa 13,6mal so viele Männer wie Frauen werden aufgrund eines entsprechenden Deliktes durch ein Gericht verurteilt (Straftaten insgesamt: 4,4mal). Zu berücksichtigen ist dabei jedoch wiederum, daß die sich in diesen Statistiken ausdrückenden Unterschiede durch Geschlechterstereotype der handelnden Personen mitproduziert wurden. Denn im Sinne etikettierungstheoretischer Ansätze ist auch Gewalt nicht ein ontisches Merkmal einer Handlung, sondern das Resultat eines Definitionsund Zuschreibungsprozesses (Keckeisen 1974). Für die Registrierung in diesen Statistiken ist deshalb neben der Ausführung entsprechender Handlungen von Bedeutung, daß die Tat von anderen z.B. als eine Gewalthandlung definiert, der Akteur bei den Ermittlungsbehörden angezeigt (bzw. die Strafverfolgungsorgane aufgrund eigener Ermittlungen von entsprechenden Aktionen erfährt) und ein Ermittlungsverfahren einleitet wird. Für Personengruppen, denen aufgrund welcher Mechanismen auch immer entsprechende Handlungen nicht „zugetraut“ oder aber denen seltener eine aggressive oder destruktive Handlungs96 Soziale Probleme, 7. Jg., 1996 absicht unterstellt wird, ist deshalb die Wahrscheinlichkeit geringer, wegen entsprechender Delikte in der polizeilichen Kriminalstatistik registriert und/oder durch ein Gericht sanktioniert zu werden. Entsprechend reduziert sich z.B. bei repräsentativen Befragungen von Jugendlichen, die im kriminologischen Sinne als sogenannte Dunkelfeldforschungen klassifiziert werden können, die Höherbelastung des männlichen gegenüber dem weiblichen Geschlecht auf etwa das Doppelte. Nach den Selbstangaben der 17bis 21jährigen Befragten haben im Jahr 1990 29,3 Prozent der männlichen Jugendlichen und 15,2 Prozent der weiblichen eine gegen andere Personen oder fremdes Eigentum gerichtete aggressive bzw. gewaltförmige und damit potentiell kriminalisierbare Handlung ausgeführt (Mansel/Hurrelmann 1991, 225ff.). Zudem zeigen Zeitreihenvergleiche, daß die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen zunehmend geringer werden. Bei den 12bis 16jährigen gaben 1986 46,8 Prozent der Jungen und 25,1 Prozent der Mädchen an, eine der gewaltförmigen und damit potentiell kriminalisierbaren Verhaltensweisen im Zeitraum des letzten Jahres ausgeführt zu haben, 1994 waren es 63,9 Prozent der Jungen und 42 Prozent der Mädchen (Mansel 1995, 110ff.). Damit sind zwar die absoluten Differenzen zu beiden Zeitpunkten weitgehend identisch (sowohl im Jahr 1986 als auch im Jahr 1994 lag der Anteil der Jungen, die angeben, eines der gewaltförmigen Verhaltensweisen ausgeführt zu haben, gegenüber den Mädchen um etwa 22 Prozentpunkte höher), aber relativ betrachtet vermindern sich die geschlechtsspezifischen Differenzen. Während 1986 die Höherbelastung der Jungen gegenüber den Mädchen beim 1,86fachen lag, reduzierte sie sich im Jahr 1994 auf das 1,52fache. Damit fällt auch die Steigerungsrate der sich aggressiv verhaltenden Mädchen deutlich höher aus. Dabei ist allerdings auch hier wiederum zu berücksichtigen, daß dieser Entwicklung nicht notwendig Veränderung in der Quantität spezifischen Verhaltens zugrundeliegen muß, sondern diese auch darauf basieren kann, daß im Zuge der Gewaltdiskussion die Mädchen in besonderem Maße gegenüber eigenem Verhalten sensibilisiert werden und ihr konkretes Verhalten deshalb häufiger in die entsprechenden Kategorien einordnen. Auch wenn sich damit die geschlechtsbezogenen Differenzen hinsichtlich der offenen physischen Aggression reduziert haben, so liegt der Anteil derjenigen, die aggressive und/oder gewalthaltige Handlungen ausführen, bei den Jungen und Männern deutlich höher. Vor diesem Hintergrund gewinnt der Befund an Bedeutung, daß weibliche Personen häufiger als männliche aggressive Gefühle (wie etwa Wut, Zorn und Ärger) erleben. So liegt z.B. in einer repräsentativ angelegten Studie zu Jugendlichen in der Sekundarstufe II der Anteil der Mädchen und jungen Frauen, die angeben, entsprechende Gefühle im Zeitraum des letzten Jahres „manchmal“ oder sogar „häufig“ verspürt zu haben, um ca. 15 Prozentpunkte über dem der männlichen Jugendlichen (Mansel/Hurrelmann 1991, 178ff.). Obwohl damit deutlich mehr Mädchen über aggressive Gefühle berichten, zeigen sie offenes aggressives Verhalten deutlich seltener. Daraus ließe sich der Schluß ziehen, daß dem Geschlechtsstereotyp, nach dem aggressive Gefühle von Mädchen und Frauen nicht offen gezeigt, häufiger unterdrückt und/oder zumindest nicht „ausgelebt“ Mansel/Kolip: Wohin mit der Wut? 97 werden, reale Sachverhalte zugrundeliegen. Dem stehen jedoch Befunde gegenüber, daß sich Personen weiblichen Geschlechts in aggressive Reaktionen provozierenden oder zumindest Ärger induzierenden Situationen nicht anders verhalten als Männer und z.B. in gleicher Weise ihren Ärger und ihre Entrüstung artikulieren, in ihrem Verhalten ausdrücken und sich die Geschlechter lediglich dahingehend unterscheiden, daß Männer ihre Reaktionen als wirkungsvoller erachten (Weber/Piontek 1995: 66ff.). Aufgrund dieser Diskrepanzen bleibt die Frage, wie aggressive Gefühle von Personen unterschiedlichen Geschlechts verarbeitet werden, ungeklärt. Im Kontext der Streßund Copingforschung wird seit langem darauf hingewiesen, daß Frauen und Männer unterschiedliche Formen der Belastungsverarbeitung wählen. Mögliche Formen der Reaktion auf Belastungen lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: exteriorisierendes, d.h. nach außen gerichtetes, und interiorisierendes, also nach innen gerichtetes Verhalten. Ab der Pubertät wird die Geschlechtstypisierung der Belastungsverarbeitung besonders deutlich (Kolip 1994). Während Jungen eher sozial auffälliges, nach außen gerichtetes Verhalten zeigen, also im Extremfall gewalttätig, aggressiv oder delinquent werden, wählen Mädchen eher nach innen gerichtete Coping-Strategien, werden depressiv, entwickeln psychosomatische Beschwerden oder mißbrauchen Medikamente (siehe auch Achenbach/Edelbrock 1983). Überdauernde Belastungen und/oder Problemlagen werden demnach von Personen weiblichen Geschlechts über komplexe Reaktionen, an denen das nervale, das endokrine und immunologische System des menschlichen Organismus beteiligt sind, in stärkerem Maße somatisiert. Sowohl unter den Jugendlichen als auch in abgeschwächtem Ausm |
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| Ending Page | 111 |
| Page Count | 18 |
| File Format | PDF HTM / HTML |
| Volume Number | 7 |
| Alternate Webpage(s) | https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/24763/ssoar-soziprobleme-1996-2-mansel_et_al-wohin_mit_der_wut.pdf?isAllowed=y&lnkname=ssoar-soziprobleme-1996-2-mansel_et_al-wohin_mit_der_wut.pdf&sequence=1 |
| Alternate Webpage(s) | https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/24763/ssoar-soziprobleme-1996-2-mansel_et_al-wohin_mit_der_wut.pdf?sequence=1 |
| Language | English |
| Access Restriction | Open |
| Content Type | Text |
| Resource Type | Article |