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Kosten und Nutzen der Lehrausbildung - Neue Ergebnisse für Österreich und eine Gegenüberstellung für die deutschsprachigen Länder
| Content Provider | Semantic Scholar |
|---|---|
| Author | Schlögl, Peter Mayerl, Martin |
| Copyright Year | 2017 |
| Abstract | Die Frage, warum Betriebe sich an der Ausbildung von Jugendlichen beteiligen, wird wesentlich durch bildungsökonomische Forschungsansätze untersucht, nämlich hinsichtlich des betrieblichen Investitionsoder Produktionsinteresses. In Deutschland und der Schweiz gehören wiederkehrende Kosten-Nutzen-Erhebungen zum festen Bestandteil der Berufsbildungsforschung. Anhand einer aktuellen Erhebung aus Österreich werden für die deutschsprachigen Länder erstmals das Verhältnis der Bruttokosten, Wert der produktiven Leistungen und Nettokosten, die Ertragsstruktur nach Tätigkeiten und Entwicklung des Leistungsgrades sowie Übernahmequote nach der Ausbildung vergleichend untersucht. 1 Ist eine „Renaissance“ unter ökonomischen Kalkülen denkbar? Die Gründung der hofrechtlichen Werkverbände der unfreien Handwerker an den Fronhöfen und die Entstehung der mittelalterlichen Zünfte, die mit der vorkapitalistischen Entwicklung einhergingen, können als Ausgangspunkt berufsmäßigen Handwerks angesehen werden und bilden damit den Entstehungskontext betriebsgebundener Berufsausbildung. Von einer standardisierten Lehrzeit oder strukturierten Ausbildung liest man in den ursprünglichen Urkunden nichts. Im 13. Jahrhundert wird erstmals urkundlich erwähnt, dass es sich um junge Menschen handeln soll, dezidierte Altersangaben finden sich erst im 17. Jahrhundert. Kosten und Nutzen der Lehrausbildung neue Ergebnisse für Österreich und eine Gegenüberstellung für die deutschsprachigen Länder 201 Waren die variable Zeit der Lehrjahre (die Dauer konnte durch die Höhe des zu zahlenden Lehrgeldes beeinflusst werden) abgelaufen, so konnte der Lehrling um (kostenpflichtige) „Lossprechung“ und die damit verbundene Aufnahme in den Gesellenstand ansuchen (Schlögl 2013, S. 193 f.). Ab dem 18. Jahrhundert traten auch staatliche oder staatlich geförderte Schulen und Hochschulen hinzu, welche im Sinne merkantiler Wirtschaftsförderung Qualifizierung nicht mehr allein den Zünften überließen. Berufsschulpflicht und aus der Gewerbeordnung ausgegliederte Berufsbildungsrechte (Ende des 19. und im 20. Jahrhundert) waren der abschließende Schritt, der ausgehend von der familienund betriebsintegrierten Berufssozialisation ein öffentlich-rechtlich reguliertes Ausbildungsverhältnis schuf. Die Frage, warum Betriebe sich an der Ausbildung von Jugendlichen beteiligen, muss daher heute anders als dazumal gestellt werden. Zentrale wissenschaftliche Untersuchungen dazu basieren auf bildungsökonomischen Forschungsansätzen, die betriebliche Ausbildungsentscheidungen in Hinblick auf das betriebliche Investitionsbzw. Produktionsinteresse modellieren. Dazu erfolgen Kosten-NutzenErhebungen, die für die deutschsprachigen Länder aktuell erstmals auf vergleichbarer Basis erfolgt sind. In Deutschland und der Schweiz gehören wiederkehrende Kosten-Nutzen-Erhebungen zum festen Bestandteil der Berufsbildungsforschung. Daraus sind auch einige Vergleichsstudien entstanden, die tief greifende systematisch-funktionale Unterschiede der dualen Ausbildung thematisierten (Dionisius u. a. 2008; Jansen/Strupler Leiser/Wenzelmann/Wolter 2015; Teuber/Ryan/Thelen/Wagner 2011). Für Österreich liegen erstmals seit zwei Dekaden (Lassnigg/ Steiner 1997) wieder entsprechende Kosten-Nutzen-Untersuchungen vor (dazu ausführlich in Schlögl/Mayerl 2016), die im Kontext des Rückgangs betrieblicher Ausbildungsaktivität strategisches Verhalten, Ausbildungsrationale und Ausbildungsqualität in den Blick nehmen.1 Der gegenständliche Beitrag fragt im Anschluss an eine überblicksmäßige Darstellung der wissenschaftlichen Diskussion danach, wie sich die Kosten-Nutzen-Struktur von Österreich gegenüber den deutschsprachigen Nachbarländern unterscheidet und auf welche Faktoren sich diese Unterschiede unter den Modellannahmen der Erhebungen zurückführen lassen. 2 Ökonomische Rationale als Grundlage internationaler Vergleichbarkeit Die Humankapitaltheorie (Becker 2009) stellte das betriebliche Ausbildungsverhalten auf eine ökonomische Basis, indem die Teilnahme an (betriebsbasierter) Weiterbildung bzw. Bereitstellung von Weiterbildung in Form eines marktorientierten Verhaltens modelliert wurde. Sie geht davon aus, dass Unternehmen dann die Kosten für Weiterbildung übernehmen, wenn in betriebsspezifisches Humankapi1 Die Kosten-Nutzen-Erhebung war ein Arbeitspakt im Rahmen der „Hintergrundanalyse zur Wirksamkeit der betrieblichen Lehrstellenförderung (gemäß § 19c BAG)“, das vom Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft in Auftrag gegeben und im Frühjahr 2016 abgeschlossen wurde. 202 Peter Schlögl & Martin Mayerl (Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung, öibf) tal investiert wird. Becker argumentiert, dass Investitionen in generelles transferfähiges Humankapital durch die Betriebe nicht kompensiert werden können, da es unmöglich wäre, Löhne unterhalb der Grenzproduktivität der Beschäftigten zu zahlen ohne dass die Beschäftigten von anderen Betrieben durch höhere Löhne abgeworben würden. Entgegen dieser humankapitaltheoretischen Annahmen sind Unternehmen aber bereit, in generelles, transferfähiges Humankapital (Berufsausbildung basiert auf überbetrieblich standardisierten Berufsbildern) zu investieren (Acemoglu/Pischke 1998; Harhoff/Kane 1997). Acemoglu und Pischke (1998) führen dies etwa auf einen imperfekten Arbeitsmarkt zurück, der in der Realität durch Friktionen, unvollständige und asymmetrische Information, beschränkten Wettbewerb und komprimierte Lohnstrukturen geprägt ist. Diese Bedingungen machen es für Betriebe lohnend in Ausbildung zu investieren, selbst wenn sich zwischenzeitlich Kosten ergeben sollten. Einen weiteren Schlüssel, um betriebliches Ausbildungsverhalten zu verstehen, bietet die Varieties of Capitalism-Literatur (Hall/Soskice 2001), die das Handeln von Betrieben als strategisches Handeln innerhalb eines Systems von komplementär abgestimmten Institutionen begreift. Diesem Ansatz zufolge sind betriebliche Ausbildungsformen in koordinierten Marktwirtschaften zu finden, in denen komplementäre institutionelle Konfigurationen es für Betriebe strategisch sinnvoll machen, in Ausbildung zu investieren. An diesen Ansatz anknüpfend beschäftigt sich die Skill-Formation-Literatur (Busemeyer/Trampusch 2012a) mit den historischinstitutionellen Bedingungen von dualen Ausbildungssystemen im Kontext eines Sets von verschiedenen sozioökonomischen und politischen Institutionen in koordinierten Marktwirtschaften. Somit wird die institutionelle Konfiguration als Determinante von betrieblichen Strategien begriffen, in Form von „beneficial constraints“ (Busemeyer/Trampusch 2012b, S. 7), um adäquates Humankapital zu akquirieren. Deutschland, Schweiz und Österreich sind alle koordinierten Marktwirtschaften mit kollektiven Skill-Formation-Systemen zuordenbar. Koordinationsmechanismen sind aber auch in diesen Systemen unterschiedlich ausgeformt. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sollen die Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zwischen Deutschland, der Schweiz und Österreich im Skill-FormationSystem hier zumindest angerissen werden (basierend auf Busemeyer/Iverson 2012; Gonon/Maurer 2012; Graf 2013; Graf/Lassnigg/Powell 2012; Nikolai/Ebner 2012; Thelen/Busemeyer 2012). 2.1 Stratifizierung von allgemeiner und beruflicher Bildung auf der oberen Sekundarstufe In allen drei interessierenden Ländern ist die betriebsbasierte Ausbildung ein integraler Bestandteil des Bildungswesens. Während in Deutschland und der Schweiz nahezu das gesamte Berufsausbildungsangebot betriebsbasiert ist, differenziert sich in Österreich die berufliche Ausbildung organisatorisch in eine betriebsbasierte Form (Lehrausbildung) und in vollschulische Formen (berufsbildende mittlere und höhere Schulen). Im Vergleich führt dies zu unterschiedlichen Selektionseffekten, die in Deutschland und der Schweiz zwischen allgemeiner Kosten und Nutzen der Lehrausbildung neue Ergebnisse für Österreich und eine Gegenüberstellung für die deutschsprachigen Länder 203 und beruflicher Bildung verlaufen, in Österreich aber vor allem zwischen beruflichen Ausbildungsformen, was zu starken sozialen Stratifikationseffekten führt (für Österreich Schlögl/Lachmayr 2005). Dabei steht die Lehrausbildung in Österreich am unteren Ende der Bildungshierarchie (Graf u.a. 2012, S. 153). 2.2 Betriebsund Arbeitsmarktstrukturen Grundsätzlich ist anzunehmen, dass sich die betriebsbasierte Ausbildungsstrategie zwischen kleinen und großen Unternehmen grundlegend unterscheidet, etwa hinsichtlich Qualifikationsbedarfe, interner Arbeitsmärkte, Investitionsbereitschaft und Übernahmebereitschaft. Während kleinere Betriebe ihre Produkte und Dienstleistungen tendenziell auf den heimischen Markt ausrichten, stehen große Unternehmen vermehrt im internationalen Wettbewerb um hochqualitative Produkte (Culpepper 2007, S. 614 617). Die Berufsausbildung in Deutschland wird (weiter zunehmend) von großen Unternehmen geprägt (Thelen/Busemeyer 2012), während in der Schweiz und Österreich die betriebliche Ausbildung von kleineren und mittleren Betrieben (KMU) getragen wird (Gonon/Maurer 2012, S. 133 143; Graf u. a. 2012, S. 159 170). 2.3 Struktur der Interessenvertretung und die Rolle des Staates In kollektiv-orientierten Systemen sind mehrere korporative Akteure sowie der Staat bei der Steuerung der Sozial-, Bildungsund Arbeitsmarktpolitik involviert. In Deutschland und Österreich sind insbesondere Sozialpartnerorganisationen paritätisch neben den staatlichen Akteuren stark an der Steuerung des betrieblichen Teils der Lehrausbildung beteiligt (Graf u. a. 2012, S. 154 156; Thelen/Busemeyer 2012, S. 86 89). Sowohl in Deutschland als auch in Österreich gibt es starke Gewerkschaften, die ein Interesse an möglichst breiten und transferfähigen Ausbildungsprofilen haben. In der Schweiz dominieren die Arbeitgeberverbände neben staatlich-föderalistischen Stellen die Steuerung in der beruflichen Ausbildung. Die sektoral strukturierten Arbeitgeberverbände werden vorwiegend durch KMU repräsentiert (Go |
| Starting Page | 201 |
| Ending Page | 213 |
| Page Count | 13 |
| File Format | PDF HTM / HTML |
| DOI | 10.3278/6004552w201 |
| Alternate Webpage(s) | https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/51358/ssoar-2017-schlogl_et_al-Kosten_und_Nutzen_der_Lehrausbildung.pdf;jsessionid=199FFDA67C1B0498E0C4B5B0A515454B?sequence=1 |
| Alternate Webpage(s) | https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/51358/ssoar-2017-schlogl_et_al-Kosten_und_Nutzen_der_Lehrausbildung.pdf;jsessionid=F85B64424FADF7AE9CB5AEFFFB1814A6?sequence=1 |
| Alternate Webpage(s) | https://doi.org/10.3278/6004552w201 |
| Language | English |
| Access Restriction | Open |
| Content Type | Text |
| Resource Type | Article |